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Karl Renner und der Vielvölkerstaat

Renner wurde 1870 in Unter-Tannowitz (heute Dolni-Dunajovice) in Mähren im Vielvölkerstaat der k.u.k. Österreichisch-Ungarischen Monarchie geboren.

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Österreich-Ungarn:
Cisleithanien: 1.Böhmen, 2.Bukowina, 3.Kärnten, 4.Krain, 5.Dalmatien, 6.Galizien, 7.Küstenland, 8.Österreich unter der Enns, 9.Mähren, 10.Salzburg, 11.Schlesien, 12.Steiermark, 13.Tirol, 14.Österreich ob der Enns, 15.Vorarlberg
Transleithanien:
16.Ungarn, 17.Kroatien und Slawonien, 18.Bosnien und Herzegowina

Eines der großen Probleme dieses Staates war seine Vielsprachigkeit. Von den rund 28 Mill Menschen die im österreichischen Teil der Monarchie lebten, gaben nur ca 35,5% Deutsch als ihre Muttersprache an.

Karl Renner wuchs 1870 – 1888 in Südmähren auf. Knapp an der Sprachgrenze zum tschechischen Siedlungsgebiet gab es keine nationale Voreingenommenheit.

Der Brauch, deutschsprachige Kinder zu tschechischen Familien auf "Wechsel" zu schicken, förderte das gegenseitige Verständnis. Einen realistischen Einblick in das Nationalitätenproblem erhielt Renner als Einjährig-Freiwilliger in multinationaler Gemeinschaft 1889 in Wien.

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Allegorische Darstellung der 18 Volksstämme der Monarchie

Bereits im Vorfeld des Brünner Parteitages der Sozialdemokratie wurde 1899 das Personalitätsprinzip ohne reale Relevanz diskutiert. Das Brünner Nationalitätenprogramm trat für einen demokratischen Nationalitäten-Bundesstaat mit national abgegrenzten Selbstverwaltungskörpern statt der Kronländer ein und forderte Minderheitenrechte.

Da es keine Rücksicht auf die sprachlich-nationale Zersplitterung nahm, intensivierte Renner seine bereits 1897 begonnenen pseudonymen Veröffentlichungen zur Nationalitätenfrage.

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Das 1899 unter dem Pseudonym "Synopticus" erschienene Werk „Staat und Nation“ war der wichtigste Beitrag Renners und einer der bedeutendsten Beiträge der Sozialdemokratie zur Frage der konstruktiven Überwindung des Nationalitätenkonflikts durch einen staatlichen Umbau.

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Renners Kerngedanke war es, den jeweiligen Nationen innerhalb Österreichs ein Höchstmaß an Autonomie zu geben. Dabei wäre die nationale Zugehörigkeit nicht nach territorialen, sondern nach personellen Prinzipien zu regeln gewesen.

Renner wollte die Nationalitätenfrage also nach dem Bekenntnisprinzip regeln: "Jeder Nationsangehörige genießt in allen Theilen des Reiches…den Schutz seiner Nation und trägt ihre Lasten und Pflichten…die Nationen sind nicht als Gebietskörperschaften, sondern als Personalverbände zu constituieren, nicht als Staaten, sondern als Völker, nicht nach sagenhaften Staatsrechten, sondern nach lebendigem Volksrechte." (K.Renner, Staat und Nation, S.19)

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Renner erweiterte seine Ideen 1902 unter dem Pseudonym "Rudolf Springer" in seinem Buch "Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat", gefolgt 1906 von "Grundlagen und Entwicklungsziele der österreichisch-ungarischen Monarchie". Das Personalitätsprinzip wurde durch verfassungspolitische Forderungen, wie das Verhältniswahlrecht zum Schutz nationaler Minderheiten ergänzt.

Im Gegensatz zu Otto Bauer vertrat Renner die Dauerhaftigkeit seiner Reformvorschläge. Auch Aurel Popovici und Erzherzog Franz Ferdinand hatten konkrete Reformentwürfe. Reale Reformansätze waren der Ausgleich für Mähren 1905, für die Bukowina 1910 und für Galizien 1914. In " Österreichs Erneuerung" prolongierte Renner 1916/17 seinen Reformoptimismus, zugleich war er für Friedrich Naumanns "Mitteleuropa"-Konzeption. Stalin studierte Renners Ideen 1912. Nach 1989 erhielten sie neue Aktualität in Osteuropa.

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Renner bei einer SDAP-Tagung in Innsbruck 1908

1916 wurde Renner von Ministerpräsident Koerber als einer der Direktoren in das kriegswirtschaftliche Ernährungsamt berufen.

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Original Lebensmittelkarte der Monarchie aus 1915

Renner glaubte weiter an die Möglichkeit des Fortbestandes des Vielvölkerreiches – noch dazu unter dem Zepter der Habsburger.

Renner plädierte für eine Art "Eidgenossenschaft der österreichischen Nationen" als Dauerlösung bei grundsätzlich gleichen Rechten, auch für die Deutschen. In seinem Werk "Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen" hielt er an seiner nun fast zwei Jahrzehnte verfolgten Grundidee fest, die Struktur des Bundesstaates den Erfordernissen der Donaumonarchie anzupassen.

Trotzdem er zu den "Klassengegnern" – also den Sozialdemokraten – gehörte, wurde ihm Anfang Oktober 1918 vom Kaiser das Amt des österreichischen Regierungschefs angeboten. In Übereinstimmung mit seiner Sozialdemokratischen Partei lehnte Renner dieses Angebot jedoch ab.

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Kaiser Karl I.

Literaturhinweise:
Helmut Konrad, 100 Jahre Umgang mit der nationalen Frage. Vom Brünner Programm bis zu den Lösungsvorschlägen am Balkan von heute (Mitteleuropa international, hrsg. Von Jan Sabata, Brünn 2001, S. 36-56)
Harry Kühnel und Adam Wandruszka, Das Zeitalter Kaiser Franz Josephs von der Revolution zur Gründerzeit, Schloss Grafenegg, Wien 1984
Norbert Leser, Karl Renner zwischen Nationalismus und Internationalismus (11. Karl Renner-Symposion), Wien 1996, S. 3-16
Siegfried Nasko, Karl Renner, vom Bauernsohn zum Bundespräsidenten (Katalog zum Renner-Museum in Gloggnitz), Wien-Gloggnitz 1979
Derselbe, Österreich unter Kaiser Franz Joseph I. (Katalog zur Ausstellung im Schloss Pottenbrunn), 2. Verb. Aufl., Wien 1979
Anton Pelinka, Karl Renner zur Einführung, Hamburg 1989
Gerald Sprengnagel, Karl Renner und die "Nationalitätenfrage" (Symposion zum 125. Geburtstag von Karl Renner, Wien 1996, S. 30-38 Günther Sandner, Austromarxismus und Multikulturalismus. Karl Renner und Otto Bauer zur nationalen Frage im Habsburgerstaat(http//www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/G.Sandners.pdf
Karl R. Stadler, Dr. Karl Renner, Wissenschaftler, Politiker, Staatsmann, Wien 1970  

Links:
Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung