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Karl Renner während Ständestaat und NS-Zeit

Seit Renners Rücktritt als NR-Präsident war das Parlament ausgeschaltet. Dollfuß regierte mit dem Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz von 1917.

Im November 1933 leitete Renner als Kopf der SP-Rechtsopposition Bundespräsident Miklas und demokratischen Exponenten der Christlichsozialen Partei einen „Staatsnotstandsgesetz“-Entwurf zu. Der Nationalrat sollte Dollfuß´ autoritären Kurs legitimieren und Österreichs Unabhängigkeit von Hitler bekräftigen.

Dollfuß ignorierte diesen bis zur Selbstaufgabe der SDAP gehenden Kompromissvorschlag.

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Trauerfeier für Seipel 1932 vor dem Parlament (Dollfuß, Miklas und Renner)

Seit Anfang Februar 1934 verhandelte Renner erneut zwecks Akzeptanz einer Ständestaatverfassung. Die Erhebung vom 12. Februar beendete die Versöhnungsdemarchen abrupt.

Renner wurde im Nö.Landhaus verhaftet und in das Gefangenenhaus Rossauer Lände, dann ins Landesgericht eingeliefert. Renner rechnete mit dem Schlimmsten. Im Verhör wies er der kompromisslosen autoritären Regierung alle Schuld zu.

Nach 100 Tagen würdevoll ertragener Haft wurde Renner am 20. Mai 1934 ohne Haftentschädigung entlassen.

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Gefängniszelle in der Renner inhaftiert war

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Postkarte des ebenfalls inhaftierten Schärf aus dem Lager Wöllersdorf an Renner

Wieder in Freiheit blieb Renner vorerst unter polizeilicher Beobachtung und relativ isoliert. Es wurde ihm genehmigt ab 15. Juli 1934 von Wien nach Gloggnitz zu übersiedeln.

Hier arbeitete er viel, vor allem schrieb er viel und hielt seine Korrespondenz aufrecht. Wegen des Attentats auf Dollfuß wurde Renner am 25. Juli 1934 in Gloggnitz für 2 Tage inhaftiert. Er exponierte sich nicht in der Illegalität, kam aber zu Treffen in Wiener Cafes mit alten Parteifreunden. 1935 nahm er an einem Kongress in Brüssel, 1937 an einem Kongress in Paris teil.

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Karl und Louise Renner in ihrer Wiener Wohnung (etwa 1930)

Renner hatte noch als aktiver Politiker Grundsätze für den "Anschluss" Österreichs an die Weimarer Republik ausgearbeitet, wobei er dafür jede Zusammenarbeit für legitim hielt.

Er gehörte dem Österreichisch-deutschen Volksbund an, distanzierte sich aber von nazistischer Unterwanderung. Dennoch sah er im Einmarsch Hitlers 1938 die "glücklichste Stunde seines Lebens". Er bot den Nazis spontan jede Unterstützung bei der Volksabstimmung an und empfahl am 3.4.1938 in einem, wenn auch differenzierten, Interview, mit "Ja" zu stimmen.

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Renner´s „JA“-Erklärung im Neuen Wiener Tagblatt vom 3.4.1938

Renner hatte sein "Anschluss"-Ja nach eigenen Erklärungen nicht unter Zwang abgegeben, wenngleich er unter dem Eindruck möglicher NS-Repressalien u.a. wegen seines jüdischen Schwiegersohnes stand.

In der englischen Zeitschrift "World Review" begründete Renner im Mai 1938 äußerst engagiert und mutig seine „Ja“-Erklärung. Es sei nicht seine Schuld, dass der Anschluss nicht demokratisch und von einem "unfassbaren Rassenregime" verwirklicht wurde. Er musste aber einfach vor aller Welt sein "Ja" zum Anschluss bekennen.

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Im Sommer 1938 verfasste Renner die Broschüre "Die Gründung der Republik Deutsch-Österreich, der Anschluss und die Sudetendeutschen". Die Veröffentlichung unterblieb allerdings, da das "Münchner Abkommen" Renners Darstellung erübrigte. Renner rechnete mit den Siegermächten von 1918 ab und denunzierte darin auch Anschlussgegner von damals.

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Das "Münchner Abkommen" leitete für Renner eine neue weltpolitische Entwicklung ein. Die Kriegslage brachte Renner ab 1942 zunehmend auf Distanz zum NS-Regime.

Zurückgezogen schrieb Renner während des Zweiten Weltkrieges in Gloggnitz an seiner Selbstbiografie sowie am umfassenden Versbuch "Weltbild der Moderne". In mehreren Briefen an alte Parteifreunde, Regierungskollegen aus den Jahren 1918/20, aber auch an seinen Nikolsburger Schulfreund Prälat Wolfgang Pauker, kritisierte er die Hitler´schen Eroberungskriege. Ein Bekanntwerden dieser Inhalte hätte ihn zweifellos vor das Volksgericht und auf das Schafott gebracht.

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Literaturhinweise: 
Helmut Konrad, Sozialdemokratie und „Anschluß“. Historische Wurzeln. Anschluß 1918-1938. Nachwirkungen. Wien-München-Zürich 1978.
Siegfried Nasko, Karl Renner. Vom Ständestaat zur Zweiten Republik. In: Die österreichischen Bundeskanzler, Leben und Werk, hrsg. Von Friedrich Weissensteiner und Erika Weinzierl, Wien-Linz 1983, S. 240-264.
Ders., Ein „Deutschösterreichischer“ Staatsmann? Karl Renners Haltung zur Anschlußidee1918-1938, in Ungleiche Partner? (HMRG, Beiheft 15), Stuttgart 1996, S.399-424.
Ernst Panzenböck, Karl Renner 1938 – Irrweg eines Österreichers. Ursachen und Verdrängung. In: ÖGL 1(1988)

Links:
Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung