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Karl Renner als Sozialdemokrat

Schon als 12-jähriger, so Renner 1930 in einem Brief an Anton Hueber, sei er zur Sozialdemokratie rekrutiert worden: "Was mich der Arbeiterschaft verbindet, ist nicht in erster Linie Theorie oder politische Ambition. Seitdem meine Eltern im Jahre 1885 expropriiert und wir Kinder besitzlos in die Welt gestoßen worden sind, ist das Leben und Leiden des Proletariats mein eigenes gewesen." Als Student habe er bereits mit der Arbeiterschaft in einer elenden Auskocherei diskutiert, ohne noch zu ahnen, dass es eine Partei gab.

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Karl Renner (ca. 1890)

Renner fand anfangs die Lektüre von Karl Marx Kapital zu schwierig. Theoretischen Zugang zum Sozialismus eröffnete ihm Ferdinand Lassalle, dessen "Allianz der Wissenschaft und der Arbeiter" zur Unterdrückung aller Kulturhindernisse ihn begeisterte. Er engagierte sich in Mittelschüler- und Studentengruppen und lernte dort seine späteren Mitstreiter des Austromarxismus Max Adler, Rudolf Hilferding und Jaques Freundlich kennen. Weiters begegnete er dort Engelbert Pernerstorfer und 1895 in der Parteizentrale Victor Adler.

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Ferdinand Lassalle

Damals verfolgte Renner das Berufsziel eines Rechtsanwalts für verfolgte Sozialisten im Dienst der Partei. Renner widmete sich u.a. volkswirtschaftlichen Themen, so verfasste er 1902 mit der populärwissenschaftlichen Schrift "Mehrarbeit und Mehrwert" die wohl geistvollste Popularisierung von Marxens "Kapital" überhaupt, um auch nicht vorgebildeten Lesern durch bildliche Sprache die Nationalökonomie zu veranschaulichen. Sehr bekannt wurde seine Broschüre "Das arbeitende Volk und die Steuern" 1909.

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Karikatur aus „Renner einst und jetzt“

Im Verein "Zukunft" 1903, in den "Marx-Studien" 1904 und in der Zeitschrift "Der Kampf" 1907 bildete sich eine Plattform des Austromarxismus heraus. Dieser bemühte sich, durch Hinwendung auf aktuelle Probleme den zwischen Orthodoxie und Revisionismus erstarrten Marxismus neu zu beleben. Renner wurde hier der Staatsdenker, Rechtstheoretiker, Soziologe und Parlaments- sowie Verwaltungsfachmann. Bedeutendste Schrift Renners (unter dem Pseudonym "Dr.J.Karner") wurde in den Marx-Studien 1904 "Die soziale Funktion der Rechtsinstitute, besonders des Eigentums".

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Renner stellte auch in der Wirtschaft der Marx´schen revolutionären Zertrümmerungstheorie eine evolutionäre Parole der Transformation des Kapitalismus gegen. Damit widersprach er Otto Bauers Postulat einer Zuspitzung mit dem Ziel der Herbeiführung einer gemeinwirtschaftlichen Ordnung. Im Ersten Weltkrieg unterstützte Renner den Verteidigungskrieg zur Erhaltung der großen Wirtschaftseinheit und setzte sich aktiv für Volksernährung ein. Diesen "Sozialpatriotismus" prangerte Friedrich Adler 1917 vor dem Ausnahmegericht an.

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Renner bei einer Wahlrede 1911

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Friedrich Adler 1917 vor dem Ausnahmegericht

Renner stand für Evolution und Zusammenarbeit. Für ihn war die Realität entscheidend. Erst hernach baute er die marxistische Theorie in sein Handeln ein. Auch die Beteiligung an der Macht war für ihn ein Schritt in Richtung Demokratie und Sozialismus. Renner war für die Milderung der Gegensätze, die das Linzer Programm 1926 jedoch anheizte. Um Leid von der Bevölkerung abzuwenden, arrangierte er sich mit der Monarchie, mit Dollfuß, ja sogar mit Hitler. Renners Anbiederung an Stalin 1945 machte sich für Österreich bezahlt.

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„Er ließ schlagen eine Brucken……..“


Literaturhinweise:
Iring Fetscher, Helga Grebing und Günter Dill, Hrsg., Der Sozialismus. Vom Klassenkampf zum Wohlfahrtsstaat, Berlin-Darmstadt-Wien 1968
Bruno Kreisky, Dr. Karl Renners Beitrag für die Sozialdemokratie (Renner-Symposion Gloggnitz 1984, Wien 1985, S. 53-67)
Norbert Leser, Karl Renner als Theoretiker des Sozialismus und Marxismus, in: Festschrift für Hertha Firnberg, hrsg. Von Wolf Frühauf, Europaverlag, S. 441-465
Anton Pelinka, Karl Renner zur Einführung, Hamburg-Hannover 1989

Links:
Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung