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Karl Renner und die Naturfreunde

In der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten es sich neben dem Adel auch zunehmend Beamte und Kaufleute leisten, „auf Sommerfrische“ zu fahren. Man begann sich für die Natur zu interessieren, in der Folge kam es zur Erschließung der Alpen.

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auf Sommerfrische

Der Wiener Arzt Victor Adler betreute in dieser Zeit Ziegelarbeiter in den Lehmgruben am Wienerberg. Sie wurden dort fast wie Sklaven gehalten. Dies waren die gesellschaftlichen Zustände rund um die Gründung der Naturfreunde.

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Arbeiter am Wienerberg

Am 22., 23. und 24. März 1895 erschien in der Arbeiter-Zeitung folgende Anzeige:

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Aufgegeben hatten das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge und Schulinspektor Georg Schmiedl und sein Wanderkollege, der Kaufmann Simon Katz. Etwa dreißig Antwortbriefe langten ein, darunter ein gemeinsames Schreiben von drei Wohnungsnachbarn und Freunden:
"Wien, 23.3.1895: Bezugnehmend auf die Annonce in der Arbeiterzeitung von 22. und 23. März teilen wir, in der Absicht, an der zu gründenden touristischen Gruppe uns zu beteiligen, unsere Adressen mit:
Josef Rohrauer, Stud.phil., Alois Rohrauer, Metallarbeiter, Karl Renner, Stud.jur."

Am 28. März fand im Extrazimmer des Gasthauses "Zum silbernen Brunnen" in der Berggasse 5 die erste Besprechung statt, an der etwa vierzig Interessenten teilnahmen. In den Gründungsausschuss wurden Alois Rohrauer, Anton Kreuzer und Leopold Happisch gewählt. Karl Renner entwarf die Statuten der Naturfreunde, die zu diesem Zeitpunkt noch "Touristische Gruppe der Sozialdemokraten" hießen.

Der neue Verein brauchte schnellstens ein Abzeichen. Es war Renners Idee, das Symbol des Handschlags mit den drei Alpenrosen zu kombinieren. Der erste Entwurf wurde von ihm selbst gezeichnet. Vermutlich waren die "Modelle" dafür die Hände von Louise Renner und Alois Rohrauer.

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Bereits am Ostersonntag, den 14. April 1895, fand die erste gemeinsame Wanderung der Naturfreunde statt.  Zusammenkunft war um halb 8 Uhr in der Abfahrtshalle des Südbahnhofs. Als Erkennungszeichen: die Arbeiter-Zeitung. Abfahrt: 8 Uhr nach Mödling.

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Bahnhof Mödling um 1900

Die Wanderung führte über den Anninger nach Gaaden. Mittagsstation war in "Schöny's Gasthaus". Am Rückweg wurde in der Hinterbrühl eine Jause im Gasthaus „Zur elektrischen Bahn“ eingenommen, wo auch die nachmittags Nachkommenden sich trafen. 62 Personen nahmen an dieser Exkursion teil - Lehrer, Beamte, Studenten (darunter Karl Renner), manuelle Arbeiter aller Berufe und auch Damen.

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Mödling-Vorderbrühl um 1900

Karl Renner berichtete später, dass das Parteisekretariat ihr Beginnen, "Parteimitglieder statt auf die Ringstraße zum Kampfe gegen die Regierung, lieber in die einsamen Berge zu ihrem Vergnügen zu führen", geradezu frivol fand.

Man tadelte die Gruppe ernsthaft und empfahl ihnen, die Gründung zu unterlassen. Die Naturfreunde wollten diesen Vorwurf natürlich nicht auf sich sitzen lassen und führten ins Treffen, dass sie auch auf dem Lande "agitatorisch" tätig seien.

Am Montag, den 16. September 1898, fand im Gasthaus "Zum goldenen Luchsen" in Neulerchenfeld schließlich die offizielle Gründungsveranstaltung des Vereins statt.

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1896 widmete Renner den Naturfreunden dieses Gedicht „Die Theilung der Erde“. Es wurde 1931 erstmals gedruckt. Hier ein kurzer Auszug:

Die Teilung der Erde
Es dröhnt der Olymp von lärmender Schar:
S´ist Teilung der Erde heut.
Und Zeus ist gnädig, er streut fürwahr
Mit vollen Händen die Beute.
Und von der olympischen Börse stürzt
Der Haufe nieder zu Erde:
Athena vermisst, dass keiner verkürzt
In seinem Ausmass werde.
Und Planken, Pflöcke und Steine setzt
Man tief in die Ackerkrummen:
Gesetz des Zeus ist: Wer sie verletzt,
Der muss im Kotter brummen.
Zufrieden, dass er die Bande los,
Legt Zeus sich zu Hera ins Bett.
Wer öffnet bescheiden das goldene Schloss?

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Postkarte Nr. 6 der Naturfreunde mit einem von Renner verfassten Gedicht

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Renner bei der Eröffnung der Raxbahn 1926

1934 wurden die Naturfreunde aus politischen Gründen verboten.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann der Wiederaufbau der Naturfreundebewegung. Noch 1945 wurde eine Festschrift dem Staatskanzler Karl Renner übergeben. Sein Antwortbrief (im Auszug):

"Juhu! Hurrah! Bergfrei! ….. Welch ein Wirbelsturm von Jugenderinnerungen! War das schön, der Akt der Schöpfung einer solchen Organisation, der Sammlung Gleichstrebender, Gleichbegeisterter! Wo sind sie alle hin, Vater Rohrauer und Söhne, Leopold Happisch, Georg Schmiedl! Welche Barbarei war es, dieses Kulturwerk zu vernichten.
Wie schade, dass man ein Sklave des Schreibtisches und des Beratungssaales geworden ist. Aber man erlebt die 50 Jahre wieder ……. und wiegt sich in dem Traum, wieder jung zu sein!

Bergfrei den Mitgliedern des Vorstandes, Bergfrei allen Mitgliedern.

Euer Renner, Staatskanzler"

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1952 wurde das Dr. Karl Renner – Haus der Naturfreunde in Saalbach-Hinterglemm feierlich eröffnet


Links:
Naturfreunde, Österreich
Naturfreunde, Berlin
Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung

Quellen: Siegfried Nasko
Das Rote Wien
Naturfreunde Internationale