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Karl Renner und die Gründung der 2. Republik

Bereits seit 1944 bereitete sich Renner in Gloggnitz auf eine aktive Rolle beim Wiederaufbau eines demokratischen Österreich vor. Nach dem Sowjet-Einmarsch sprach er am 3. April 1945 bei der Ortskommandantur vor, von wo er über Köttlach nach Hochwolkersdorf zu GenObst Zeltov weitergeleitet wurde.

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Schreiben Renners von Schloss Eichbüchl vom 20.4.1945

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Brief Stalins an Renner vom 12.5.1945

Gleichzeitig ließ Stalin Renner suchen. Von Schloss Eichbüchl aus gab Renner erste Direktiven. In der Wiener Wenzgasse kam es am 23. April 1945 zu ersten Weichenstellungen Renners mit SPÖ, ÖVP und KPÖ für eine breite Zusammenarbeit.

Gebildet wurde ein politischer Kabinettsrat als kollektives Staatsoberhaupt mit Renner als Staatskanzler und je einem Vertreter von SPÖ, ÖVP und KPÖ als Stellvertreter.

Der Konzentrationsregierung mit 30 Staats- und Unterstaatssekretären gab Marschall Tolbuchin am 27. April die Zustimmung. Gleichzeitig wurden von den drei Parteien eine Proklamation über Österreichs Unabhängigkeit und eine Regierungserklärung publiziert. Am 29. April 1945 konstituierte sich die provisorische Regierung mit dem Anspruch auf ganz Österreich.

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Karl Renner auf dem Weg ins Parlament

Am 8. Mai wurden das NS-Verbotsgesetz und Rechtsüberleitungsgesetz beschlossen. Weiters wurden öffentliche Verwalter für ehemals deutsche Unternehmen eingesetzt und es trat die Verfassung von 1929 wieder in Kraft.

Anfang Juli kam es in London zum ersten Kontroll- und Zonenabkommen, gefolgt von der Installierung des Alliierten Rates im September. Die endgültigen Weichen stellten die drei Länderkonferenzen im Sept./Okt. in Wien mit der Aufnahme westlicher Politiker in die Regierung und der Festsetzung des ersten Wahltermins.

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Eröffnung der ersten Länderkonferenz am 24.9.1945 durch Renner
im NÖ-Landhaus in Wien

Renner war eindeutig der führende Kopf in der provisorischen Staatsregierung, kreativ und engagiert verfasste er selbst zahlreiche Gesetzestexte. Vielfach orientierte er sich an seinem Vorgehen nach 1918. Er versuchte, gleichsam über den Parteien zu stehen und warnte alle 3 Regierungsparteien vor extremen Positionen.

Am 20. Okt. verstimmte die einseitige diplomatische Anerkennung Österreichs durch die Sowjets zwar den Westen, der gesamte Alliierte Rat erkannte an diesem Tag jedoch die Regierung Renner für ganz Österreich an.

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Karl Renner bei der Viermächte-Besprechung am 20.Oktober 1945
v.l.n.r. General Gruenther (USA), Marschall Konev (UdSSR),
Generalleutnant McCreery (Grossbritannien), General Bethouart (Frankreich)

Als gleichsam österreichische Symbolfigur hielt sich Renner im Wahlkampf persönlich zwar zurück, die SPÖ aber warb mit ihm als Zugpferd. Dennoch brachte der Wahlausgang am 25. Nov. 1945 der ÖVP mit 85 Mandaten die absolute Mehrheit, die SPÖ erhielt 76 und die KPÖ lediglich 4 Mandate.

Vor dem neu gewählten Nationalrat gab Karl Renner am 19. Dez. den Rechenschaftsbericht der provisorischen Staatsregierung, der mit der Forderung nach der vollen Freiheit ausklang. Tags darauf wählte ihn die Bundesversammlung zum Bundespräsidenten.

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Renner bei der Stimmabgabe am 25.11.1945

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Angelobung Renners als Bundespräsident am 20.12.1945

Als Bundespräsident wohnte Renner in der Himmelstraße in Grinzing. Zur Betonung seiner Unabhängigkeit von der Bundesregierung bezog er die Amtsräume in der Hofburg.

Renner blieb Mahner zur Zusammenarbeit und Demokratie, zur Achtung der Menschenrechte und Wiedererlangung der vollen Souveränität. Dabei hoffte er auf die UNO und machte auch konkrete Vorschläge für eine am Beispiel der Schweiz orientierte Neutralität.

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Karl Renner starb 80jährig zu Sylvester 1950. Am Neujahrsmorgen ermutigte seine Tonbandstimme nochmals die trauernde Bevölkerung.

 

Literaturhinweise:
Robert Knight, Hrsg., "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen", Wortprotokolle der österr. Bundesregierung von 1945-52 über die Entschädigung der Juden, Frankfurt/M. 1988.
Norbert Leser, Karl Renner, in Friedrich Weissensteiner, Hrsg., Die Österreichischen Bundespräsidenten, Wien 1982, S. 122-161
Siegfried Nasko, Karl Renner, in Friedrich Weissensteiner und Erika Weinzierl, Hrsg., Die österreichischen Bundeskanzler, Wien 1983, S. 240-265

Links:
Verein für die Geschichte der Arbeiterbewegung