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Karl Renner und die Genossenschaften / der Konsum

Schon früh taten sich Arbeiter und Handwerker zusammen, um ihre Versorgungslage zu verbessern, gründeten Vereine, Assoziationen und Genossenschaften. Die berühmteste in der Geschichte der Konsumgenossenschaften ist die der Rochdale Society of Equitable Pioneers (die Rochdaler Genossenschaft der redlichen Pioniere). Am Abend der Wintersonnenwende am 21. Dezember 1844 eröffneten 28 Gründungs-mitglieder, größtenteils Flanell-Weber in Rochdale, Manchester ihren Laden. Sie formulierten Grundprinzipien, die weltweit zur Leitlinie der Konsumgenossenschaftsbewegung wurden:

  •  Gleiches Stimmrecht: Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Einzahlung.
  • Jedermann kann der Genossenschaft jederzeit zu den gleichen Bedingungen beitreten, wie die bisherigen Mitglieder.
  • Rückvergütung: Je mehr ein Mitglied bei der Genossenschaft kauft, umso größer soll seine Beteiligung am Überschuss sein.
  • Verkauf nur gegen Barzahlung.
  • Lieferung unverfälschter Ware mit vollem Gewicht.
  • Politische und religiöse Neutralität.

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Die ersten Genossenschaften gründeten sich in Österreich nach dem kaiserlichen Patent vom 26. November 1852, als ein neues Vereinsgesetz geschaffen wurde. Viele Arbeiter, die den steigenden Preisen entgehen wollten, solidarisierten sich lokal auf genossenschaftlicher Basis. Zahlreiche so genannte Konsumgenossenschaften, also Genossenschaften im Einzelhandel, die sich in erster Linie mit dem Vertrieb von Nahrungs- und Genussmitteln sowie verwandten Waren des täglichen Bedarfs befassten, wurden gegründet. Die erste gründete sich 1856 im niederösterreichischen Teesdorf, 15 Jahre später (1871) waren es bereits 508 Genossenschaften.

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Am 10. Oktober 1864 gründeten siebzehn Fünfhauser Wollwebergesellen – die Angehörigen dieses Berufsstandes gehörten zu den Ärmsten der Armen und verdienten oft weniger als Taglöhner – im Gasthaus "Zum Grünen Baum" in der damaligen Schwanengasse (heute 15., Clementinengasse 17) den "Ersten Niederösterreichischen Arbeiter-Consumverein".

1905 beteiligte sich Renner mit Vorschlägen an der Diskussion zur Reform des Wiener Konsumvereines. Es wurde die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine, kurz GöC, gegründet. Dadurch wurde der Einstieg in den Großhandel und die zentrale Eigenproduktion ermöglicht.

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Die GöC war unter anderem Hauptgläubiger der Hammerbrotwerke, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1909 in permanenten Schwierigkeiten befanden. Dadurch und durch den Umstand, dass viele Mitgliedsgenossenschaften ihr Geld schuldeten, kam die GöC in Schwierigkeiten. 1911 wurde Renner Verbandsobmann der GöC.

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Gerettet wurde die GöC schließlich durch  eine Intervention Karl Renners 1913. Er hatte bereits 1912 den "Kreditverband österreichischer Arbeitervereinigungen" gegründet, aus dem sich 1922 die Arbeiterbank als gemeinsames Finanzinstitut der sozialdemokratischen Organisationen entwickeln sollte.

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Ab 1916 wurden die Konsumgenossenschaften eine Verteilerorganisation der Kriegswirtschaft. Um Streiks der hungernden Arbeiterschaft in Betrieben, die für die Kriegsproduktion zuständig waren, zu verhindern, bildeten sich Lebensmittelverbände aus den Konsumgenossenschaften, die die Belieferung der Rüstungsindustrie mit Nahrungsmitteln übernahmen.

Die Konsumgenossenschaften hatten während des Krieges großen Einfluss auf staatliche Ämter gewonnen. Die Genossenschaftsbetriebe expandierten stark. Die schwierige Lage auf dem Lebensmittelsektor brachte den Konsumgenossenschaften einen großen Zustrom an neuen Mitgliedern.

In der schwierigen Situation nach dem Ersten Weltkrieg hatte der von Renner gegründete „Kreditverband“ durch die Inflation mit großen Problemen zu kämpfen.

Im Jahr 1922 wurde der Kreditverband zur "Arbeiterbank AG", an der die Gewerkschaften und die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine (GöC) je 40% Anteile besaßen, umgewandelt. Karl Renner wurde ihr erster Obmann; Sitz der Bank war das Haus in Wien 2, Praterstraße 8, das seit 1916 dem Zentralverband österreichischer Konsumvereine gehörte und als Verwaltungszentrum diente.

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Haus Praterstrasse 8                       Kassensaal der Arbeiterbank 1923
erster Sitz der Arbeiterbank

Für die Gründung der Arbeiterbank war die Genehmigung des Finanzministers Gürtler und Bundeskanzlers und Innenministers Schober notwendig. Hier das Schreiben Renners vom 30.Jänner 1922 an Schober mit der Bitte um rasche Erledigung des Aktes. Ausdrücklich erwähnt Renner, dass „…die Bank ein gemeinsames Werk der Gewerkschaften und Genossenschaften werden soll, ohne sich in das Getriebe des bürgerlichen Erwerbslebens zu mischen“.

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Brief Renners an Schober               Schobers Antwort an Renner

Hier die erste Seite des „Gründungsübereinkommens“ für die Arbeiterbank - von Renner handschriftlich aufgesetzt. Weiters 2 Protokolle vom 9.September und 16.Oktober 1922.

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Gründungsübereinkommen

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Protokoll vom 9.9.1922

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Protokoll vom 16.10.1922

Bereits für das Jahr 1923 liegt der erste Geschäftsbericht der Arbeiterbank AG vor.

Präsident des Verwaltungsrates war am Beginn für eine gewisse Zeit Renner selbst – er musste diese Funktion aber bald wegen des Unvereinbarkeitsgesetzes zurücklegen.

Renner widmete sich in der Folge sehr intensiv der Genossenschaftsbewegung im In- und Ausland.

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Genossenschaftstagung 1927 in Wien

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Tagung 1928 in Stockholm

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Tagung 1932 in Prag

Keine wirtschaftliche, sondern eine politische Gefahr für die Konsumgenossenschaften stellte die neue politische Lage im Ständestaat ab 1933 dar. Mit mehreren Gesetzen wurde den sozialdemokratischen Konsumgenossenschaften schwer zugesetzt:

  •  Die Konsumgenossenschaften wurden der Gewerbeordnung unterstellt und mussten somit um Gewerbescheine und Befähigungsnachweise ansuchen.
  •  Konsumgenossenschaften wurde untersagt, neue Geschäfte zu eröffnen.
  •  Fünf Prozent der vorhandenen Geschäfte mussten schließen.
  •  1934 wurde die Arbeiterbank aufgelöst.

Die gänzliche Auflösung von Genossenschaften wurde durch die Hilfe der bürgerlichen landwirtschaftlichen Genossenschaften verhindert.

Im Oktober 1935 wurde Renner von der Wirtschaftspolizei vorgeladen und zu angeblichen illegalen Geldflüssen 1930/31 aus der Arbeiterbank für die Partei befragt. Die Arbeiterbank stand seit 1933 unter „vaterländischer Führung“.

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Mit dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich gerieten die Konsumgenossenschaften in eine noch weit schwierigere Lage als im Ständestaat. Die erste Maßnahme war die Einschleusung von Nationalsozialisten in die Schlüsselpositionen der Geschäftsleitungen, wobei aber zunächst die traditionellen Führungskader weitgehend intakt blieben. 1941 wurden die Konsumgenossenschaften in das "Gemeinschaftswerk der deutschen Arbeitsfront" einverleibt.

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Renner bedankt sich am 17.12.1940 für die Zuerkennung eines Ruhegenusses

1946 wurde der Konsumverband wieder gegründet und die regionalen Konsumgenossenschaften wieder errichtet.

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Erst 1947 konnte die Arbeiterbank wieder errichtet werden. Sie wurde 1963 in Bank für Arbeit und Wirtschaft umbenannt.

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Durch den Eigentümerwechsel 2005 erinnert an das Programm der „Arbeiterbank“ nur noch der Name.

Nach Wiedererrichtung der österreichischen Konsumgenossenschaftsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die Konsumgenossenschaften nach dem Zusammenschluss 1978 zum größten Einzelhandelsunternehmen Österreichs.

1995 beantragte die KONSUM ÖSTERREICH reg. Gen.m.b.H. die Ausgleichseröffnung, die 1998 erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Durch die erzielte hohe Ausgleichsquote wurde der Ausfall für die Gläubiger sehr in Grenzen gehalten.

Die historische Bearbeitung und Archivierung der Materialien zur Geschichte der Konsumgenossenschaften in Österreich wird vom FGK, Forschungsverein für Entwicklung und Geschichte der Konsumgenossenschaften, in 1190 Wien, Döblinger Hauptstraße 54, bewerkstelligt.

 

Quellen:
Dr. Siegfried Nasko
FGK-Forschungsverein für Entwicklung und Geschichte der Konsumgenossenschaften

Das Rote Wien